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DAS MAGAZIN FÜR VERSCHWÖRENDE

50 Jahre rationale Kommunikation - Warum uns Geschichten weiterbringen

Aktualisiert: 28. Feb.



Am 2. März 1972 wurde eines der erfolgreichsten wissenschaftlichen Bücher veröffentlicht, legt man zugrunde, was Verleger unter „erfolgreich“ verstehen: “Die Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit”


Der Report wurde in über dreißig Sprachen übersetzt, stand in Deutschland und vielen anderen Ländern über Jahre hinweg auf der Bestseller-Liste und erhielt 1973 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.


Die wissenschaftliche Abhandlung ist eine Prognose auf die Zukunft. Und auch wenn vieles nicht exakt so eingetreten ist, wie vorhergesagt, so ist die grundsätzliche Idee der „ausgebeuteten Erde“ und der Warnung vor dem Limit unserer natürlichen Ressourcen sehr richtig und bis heute eine dringende Warnung.


Bei Erscheinen des Buches war der Wirbel in der Öffentlichkeit groß. Der Stimme der Vernunft, die schon vor der Buchveröffentlichung von vielen Wissenschaftlern zu hören war, wurde ein laut hörbares Mittel an die Hand gegeben.


Weghören war nach dem 2. März 1972 eigentlich nicht mehr möglich. Das Thema beherrschte alle Medien und die öffentliche Diskussion.


Doch dann… passierte erst einmal nichts. Niemand veränderte sein Verhalten. Stattdessen wurde der Ruf laut nach Beweisen. Allein einer Prognose wolle niemand so folgen.

Daher stürzten sich Wissenschaftler in den folgenden Jahren, ja Jahrzehnten, in die Forschung. Und legten mehr und mehr Beweise für das Ende der planetaren Ressourcen und deren Folgen der Ausbeutung auf den Tisch.


Doch wieder passierte nichts. Oder doch: die Öffentlichkeit forderte mehr Beweise. Sie forderte Ergebnisse, die eindeutig waren. Belege, die nicht widerlegt werden konnten. Beweise, die – auch für Laien – klar und stichhaltig waren. Also machten sich die Wissenschaftler wieder an die Arbeit, um das Thema noch besser zu durchdringen und noch mehr Beweise zu liefern. Weitere Jahrzehnten wurde darauf verwendet, zu erforschen, wie der Mensch den Planeten kontinuierlich umbaut, nutzt und ausnutzt. Und welche – schädlichen - Auswirkungen dies auf Umwelt, Natur und Klima hat. Die Erkenntnisse waren nun besser, komplexer und umfänglicher.


Doch wieder passierte nicht viel. Die Erkenntnisse waren nun zwar viele und eindeutig. Aber sie wurden ignoriert. Die Welt hatte anderes zu tun. Daher setzten Wissenschaftler erneut auf die wissenschaftliche Prognose. Auf Grundlage der Forschung lässt sich die Zukunft ziemlich gut vorhersagen. Ein Katastrophenszenario wurde erarbeitet. Und nicht nur eines. Datenbasiert berechnete die Wissenschaft ziemlich präzise, wie die Welt in 50, 30 oder auch 20 Jahren aussehen wird, wenn wir so weitermachen wie bisher.


Doch wieder passierte nichts, denn das war der Öffentlichkeit jetzt doch zu düster. Lieber lebt man im hier und jetzt, anstatt sich mit Dystopien der Zukunft in „weiter Ferne“ auseinanderzusetzen. Daher versuchte es die Wissenschaft ebenso mit dem hier und jetzt und erläuterten genau die Zusammenhänge, auf die wir heute Einfluss nehmen müssen. Sie enthüllten die Vernetzung der Welt und wie umwelt- und klimatechnisch alles mit allem zusammenhing. Als Beweis, dass alle Menschen auf dieser Erde betroffen sind und dass es viele Stellschrauben und Hebel gibt, an denen wir arbeiten können – und müssen.


Das war jetzt aber leider zu kompliziert. Zu viele Details, zu viele Zusammenhänge, zu viele Abhängigkeiten. Also mühten sich die Wissenschaftler, die Sache zu vereinfachen. Und präsentierten zwei super einfache Prinzipien: 1. Schuld ist vor allem der CO2-Ausstoß und der muss reduziert werden. 2. Es gibt eine unumstößliche Grenze, die nicht überschritten werden darf: die Erderwärmung darf nicht über 1,5 Grad steigen. Einfacher geht es nicht.


Das mit dem Messen war eine sehr gute Lösung, denn jetzt konnte man „die anderen“ verantwortlich machen. Andere Staaten, andere Regionen, andere Unternehmen, andere Organisationen. Um selbst eher wenig zu tun.


Und deshalb musste man die „unumstößliche“ Grenze dann auch leider verschieben, 1,5 Grad war nicht mehr zu halten. Also nehmen wir 2 Grad. Oder nicht?


Die Auswirkungen der Erderwärmung ist jetzt in vielen Ländern nicht mehr zu übersehen. Naturkatastrophen und Wetterextreme - als Folge der Erderwärmung – sind nicht mehr zu leugnen und nicht mehr zu ignorieren. Verändern wir uns also jetzt? Jetzt ist es ja ohnehin zu spät, oder?


Und so weiter und so weiter und so weiter.


Seit über 50 Jahren das gleiche Spiel. Die Fakten liegen auf dem Tisch. Aber sie führen zu keiner Änderung. Motivieren und mobilisieren nicht. Dass wir uns der drohenden Katastrophe nicht entschiedener und gemeinsam entgegenstemmen, hat viele Gründe. Eine davon ist: rationale Kommunikation.


Die Logik der Fakten

Wir vertrauen auf die Logik der Fakten. Wie falsch wir doch dabei liegen.


Das Vertrauen in die „Ratio“ ist eine Errungenschaft der Aufklärung. Diese Bewegung, die ab 1700 das tatsächliche Ende des Mittelalters besiegelte, war der Beginn moderner Naturwissenschaften und der Wegbereiter rationalen Denkens - als Quelle des Fortschritts. Seit dieser Zeit verlassen wir uns auf die Erkenntnisse von Forschern, Wissenschaftlern und Innovatoren, um uns die Welt zu erklären.


Es ist gleichzeitig der Beginn des Humanismus, in dessen Zentrum die Idee steht, dass wir Menschen die Fähigkeit und das Streben in uns tragen, uns ständig zu etwas besseren zu entwickeln.


Parallel zu Aufklärung und Humanismus entwickelte sich aber auch der Barock. Eine Zeit überschwänglicher Emotion, Sinnlichkeit und Prahlerei. Wo die Aufklärung sich sachlich zurückhält, da schießt die Gegenbewegung des Barock (und noch mehr des Rokokos) völlig übers Ziel hinaus – ohne Regeln oder Grenzen. Zugegeben, nach dem 30jährigen Krieg, hatten die Menschen in Europa auch einiges nachzuholen. Kein Wunder also, dass man es da krachen ließ. Und nicht unbedingt in allen Dingen sich den „erbsenzählenden“ Aufklärern anschloss.


Der Wechsel zwischen Rationalität und Emotionalität scheint aber das Wesen der Menschen immer schon bestimmt zu haben. Warum sollte das in der Kommunikation anders sein?


Kommunikation ist Persuasion

Wenn wir mit anderen kommunizieren, dann steckt oft eine Absicht dahinter. Wir wollen etwas von unserem Gegenüber. Kommunikation ist zunächst Information. Aber ganz schnell wird daraus Überzeugungsarbeit, denn wir informieren meist aus einem guten Grund. Wir wollen jemanden um etwas bitten, ihn oder sie überzeugen, etwas zu tun, wir wollen überreden, motivieren, aktivieren.


Und für diese Form der Persuasion haben wir zwei Möglichkeiten: wir können rational kommunizieren oder emotional kommunizieren. Das erste ist die Auflistung rationaler Fakten, Daten und Argumente. Das zweite ist das Erzählen von Geschichten.

Mit Fakten überzeugen


Rationale Kommunikation funktioniert fantastisch. Aber nur, wenn zwei Bedingungen erfüllt sind. Erstens: Wenn Sender und Empfänger die gleichen Interessen (ja sogar Werte) teilen. Und zweitens: wenn Sender und Empfänger die gleiche Konzentration für ein Thema aufbringen und sich gleich viel Zeit für die Diskussion nehmen. Das nennt man eine symmetrische Kommunikationssituation.


Eine Leistungssportlerin, die gerade in einem Formtief steckt und eine erfahrene Trainerin, die den richtigen Trainingsplan hat, um sie wieder in Form zu bringen… das ist eine symmetrische Kommunikationssituation.


Ein Ingenieur, der an der Optimierung einer Maschine arbeitet und ein Schmierstoffhändler, der um die Reibungsverluste einer Maschine durch falsche Maschinenöle weiß… das ist eine symmetrische Kommunikationssituation.

Fakten und Daten finden in diesen „symmetrischen“ Situationen Gehör – und lösen Aktion aus. Das funktioniert immer dann, wenn beide Seiten gleichwertig an der Kommunikation interessiert und beteiligt sind.


Doch wie oft kommt das vor? Selten.


Eine symmetrische Kommunikationssituation findet sich weder in Familien, wenn Familienmitglieder miteinander sprechen (wo sich doch alle so gut kennen). Sie findet sich kaum in Unternehmen, wenn Vorgesetzte mit Mitarbeitenden sprechen (wo doch alle ihr Gehalt von der Firma beziehen), sie findet sich nicht in Hörsälen, wie Studierende auf Professoren und Professorinnen treffen (wo doch alle an dem Wissen interessiert sein sollten) und sie findet sich auf keine Fall in der breiten Öffentlichkeit, wo unzählige Medien und Informationskanäle unzählige Themen durcheinander präsentieren.


Wann man Geschichten erzählen sollte

Wer in einer asymmetrischen Kommunikationssituation erfolgreich kommunizieren will, sollte nicht auf pure Logik, auf rationale Kommunikation vertrauen. Viel wirkungsvoller – wenn auch mühevoller – ist hier emotionale Kommunikation. Man sollte Geschichten erzählen. Denn Geschichten sind spielerische Konzentration. Sie sind nicht anstrengend und daher schon mal wesentlich zugänglicher als eine Tonne Fakten.


Geschichten – wenn sie gut erzählt werden – sind unterhaltsam, schaffen Aufmerksamkeit und lassen sich leicht merken. Angeblich können wir uns Geschichten 20 mal besser merken als Fakten. Das liegt unter anderem daran, dass unser ganzes Gehirn beim Zuhören von Geschichten involviert ist. Wer Fakten und Daten hört, der benötigt dafür nur seine „linke“ Gehirnhälfte, die Regionen, in denen Sprache und Logik verarbeitet werden.


Geschichten beschäftigen dagegen fast alle Gehirnregionen, auch die, in denen Sinne, Gefühle und sogar Bewegung verarbeitet werden. Denn wir fühlen und leben gedanklich mit, wenn wir eine Geschichte hören.


Geschichten helfen, Skepsis und Kritik beiseite zu schieben. Wer eine Geschichte hört, der taucht in deren Erzählwelt ein. Man identifiziert sich mit der Hauptfigur, sieht sich an, wie sich diese mit einem Problem rumschlägt. Man macht Erfahrungsabgleich oder lernt durch die Erfahrungen des Helden in der Geschichte. Beim Hören einer Geschichte ist man zunächst also so mit der Handlung beschäftigt, dass erst einmal gar keine Zeit bleibt, um kritisch und skeptisch zu hinterfragen.


Manche nennen die Kunst des „Storytellings“ daher auch „trojanisches Pferd“. Denn durch eine Geschichte gelingt es uns, unbewusst eine Idee oder ein Thema zu präsentieren, dass der Zuhörer in Form rationaler Kommunikation vielleicht ablehnen würde.


Geschichten für den Klimawandel?

Wäre die Welt heute eine andere, hätte der Club of Rome vor 50 Jahren auf Geschichten und Storytelling gesetzt?


Das wäre zu viel versprochen. Aber die Vergangenheit hat uns gezeigt, dass wir uns zu sehr auf die Logik der Fakten und das Gewicht der Realitäten verlassen haben.

Geschichten sind nicht die komplette Lösung des kommunikativen Problems, um Menschen zu mehr nachhaltigem Handeln zu bewegen. Aber das Thema ist groß, komplex, und dramatisch. Die Fakten sprechen für sich – wir müssen jetzt Handeln. Aber die Menschen sehen trotzdem weg – weil eben „zu groß“, „zu komplex“, „zu abstrakt“.

Es ist also vollkommen legitim hier auch mal auf eine trojanisches Pferd zu setzen – um letztendlich durchzudringen.


Drei Aspekte sind es, die Storytelling für eine effektive Nachhaltigkeits-Kommunikation interessant machen und warum wir Kunst des Geschichtenerzählens hier ganz besonders ans Herz legen wollen:


Emotionalisierung

Geschichten sind keine Tabellen, Studien oder Aufzählungen. Sie sind keine Powerpoint-Präsentation oder Uni-Vorlesungen. Gut erzählte Geschichten packen uns und ziehen uns in ihren Bann, weil sie uns auf eine emotionale Reise einladen und weil sie ein Thema emotional nahe bringen können. Und genau das ist es, was eine erfolgreiche Klima-Kommunikation braucht: wir müssen das Thema nicht nur mit unserem Verstand erfassen, sondern auch mit unserem Herzen.


Personalisierung

Geschichten handeln von Menschen (ok, im Trickfilm wie „Findet Nemo“ kann das auch mal ein Fisch sein, aber eigentlich sind das vermenschlichte Tiere). Geschichten handeln nicht von anonymen Organisationen, Strukturen oder Prinzipien. Im Mittelpunkt guter Geschichten stehen Protagonisten, die wir durch die Geschichte kennenlernen und die wir begleiten. Im Idealfall identifizieren wir uns mit diesen Figuren (und verlieben uns vielleicht sogar ein wenig – das nennt man parasoziales Verhalten). Die Immersion (das Eintauchen in einer Geschichte) und die Identifikation sind die stärksten Kräfte des Storytellings. Wenn Klima-Kommunikation ein klein wenig mehr auf diese Kräfte setzen würde, wäre schon einiges gewonnen.

Noch machtvoller werden Geschichten, wenn man eine Geschichte von sich erzählt. Die eigene Story ist die stärkste. Wenn wir in der Klima-Kommunikation mehr Menschen bewegen könnten, ihre eigene Stories zu diesem Thema zu erzählen und damit des Klimawandels als persönliche Erfahrung erzählen, wären wir schon ein großes Stück weiter.


Lokalisierung

Gute Geschichten handeln von einem konkreten Ort. Sie sind nicht die Beschreibung allgemeiner, anonymer Landschaften oder Regionen im Irgendwo, sondern sie beschreiben Details und benennen konkrete Orte der Handlung. Entscheidend ist, dass beim Publikum ein Bild im Kopf entsteht, wo die Geschichte handelt: ein Erzählräum eröffnet sich. Damit wird die Erzählung lebendiger, merkfähiger, erfahrbarer. Ein großes Problem der Klima-Kommunikation ist ihre Anonymität und Abstraktheit. Da wird allgemein von „Regionen“ oder „Zonen“ gesprochen, von Polkappen, von Hitzeschwellen, Kipp-Punkten, Biodiversitätsareale und so weiter. Fachlich korrekt zu kommunizieren ist wichtig. Aber parallel zu dieser Form der Kommunikation sollten wir mit Geschichten über konkrete Orte, das Thema nahbarer erzählen.

Und die besten Geschichten handeln von Orten, die wir kennen. Und die uns wichtig sind. Dies sind die mächtigsten Stories – Geschichten, die wir über uns erzählen, über unsere Orte, an denen wir leben und die uns etwas bedeuten. Orte, die in Gefahr sind – und damit wir. Diese Geschichten sollten wir erzählen – und diese werden Gehör finden.



Foto von Masaaki Komori auf Unsplash







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